Marnie

Marnie ist ein umstrittener Film. Was den finanziellen Erfolg betrifft, reicht er bei weitem nicht an seinen Vorgänger Die Vögel heran. Was die künstlerische Qualität und filmische Innovation betrifft, werfen viele Kritiker Alfred Hitchcock vor, er habe veraltete Technik eingesetzt und träge inszeniert. Darüber hinaus steht Hitchcocks gestörtes Frauenbild im Zentrum der Kritik. Bei den Dreharbeiten zu Die Vögel lässt er seine Hauptdarstellerin Tippi Hedren von Mitarbeitern überwachen und sorgt dafür, dass die Aufnahmen mit den abgerichteten Vögeln für Hedren zum Alptraum werden (vgl. Spoto, 530 ff.).

Hedren und Hitchcock beim FilmdrehHedren und Hitchcock beim Filmdreh. Quelle: thehitchcockreport.wordpress.com

In ihrer 2016 erschienenen Biografie schreibt Tippi Hedren, dass Hitchcock sie während der Dreharbeiten zu Marnie sexuell bedrängt und missbraucht habe: „I’ve never gone into detail about this, and I never will. I’ll simply say that he suddenly grabbed me and put his hands on me,’ she writes. ‘It was sexual, it was perverse, and it was ugly.“ (zit. n. Parry 2016)

Marnie trägt autobiografische Züge des Regisseurs. Der Film erzählt die Geschichte einer Betrügerin und Diebin, die unter falschem Namen eine Stelle als Sekretärin in einem Verlagshaus annimmt. Der Verleger Rutland ahnt, was sie vorhat, und beobachtet Marnie. Nachdem sie 10.000 Dollar aus dem Tresor gestohlen hat, stellt er sie vor die Wahl: Polizei oder Heirat. Während der Flitterwochen weist Marnie Rutlands Annäherungen zurück, es kommt zu einer versuchten Vergewaltigung und einem Selbstmordversuch. Marnie leidet unter Albträumen und Angstattacken. Schließlich findet Rutland heraus, dass sie als fünfjähriges Kind den Freier ihrer Mutter mit einem Schürhaken erschlagen hat.

Office at NightEdward Hopper: Office at Night (1940)   Fair Use

Die Szene, in der Marnie das Büro des Verlagsgebäudes betritt, lehnt sich visuell stark an Edward Hoppers Office at Night (1940) an. Bereits 1955 (Das Fenster zum Hof) und 1960 (Psycho) dienen Hoppers Bilder als Vorlage für einige seiner filmischen Einstellungen. Hopper selbst ist ein Bewunderer des Film Noir. Er arbeitet in seinen Bildern mit stark akzentuierter Beleuchtung und langen Schlagschatten. Die dargestellten Menschen sind formal isoliert, sie wirken melancholisch, traurig, einsam. 1946 greift Robert Siodmak in der Eröffnungssequenz seines Noir-Film The Killers formale Elemente und emotionale Stimmung von Nighthawks auf. Nighthawks wiederum wird beeinflusst von Hemingways Kurzgeschichte The Killers.

NighthawksEdward Hopper: Nighthawks (1942)   Fair Use

Nighthawks gehört zu jenen Gemälden, die eigentlich jeder kennt. Zitate oder Verweise auf das Bild finden sich nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in Film, Literatur und Musik. Nighthawks ist zu einer Ikone der amerikanischen Moderne geworden – vielfach kopiert und zu Kultstatus erhoben. Hopper beobachtet und skizziert die Tristesse des amerikanischen Alltags mit stark voyeuristischem Blick. Viele seiner Bilder sind düster-melancholisch in ihrer Stimmung, gleichsam schonungslos-grell in ihrer Ausleuchtung. Dennoch deuten sie Vieles an und lassen ebenso Vieles offen.

Gemalte SequenzGemalte Sequenz

Hoppers Werke greifen vor allem urbane Motive und Menschen in der Einsamkeit der Großstadt auf. Office at Night zeigt eine abendliche Büroszene mit einer attraktiven jungen Frau und einem etwas älteren Mann hinter seinem Schreibtisch. Eine sexuelle Interpretation der dargestellten Situation liegt nahe. Julie Berebitsky, Professorin für Geschichte und Gender Studies, begründet, warum sie Hoppers Gemälde als Cover für ihr Buch Sex and the Office gewählt hat: „Office at Night is wonderfully evocative: the cramped space and her voluptuous body — it’s hard not to at least consider the possibility that some erotic interaction has already or might happen. The question of who is in charge also seems unsettled. He is clearly the boss, but she conveys agency as much as submissiveness… The painting’s indeterminate narrative allows the viewer to think whatever he or she wants to think about what’s going on.“ (zit. n. Lauer 2014)

Lauer, Alex: Sex and the Office: The Many Interpretations of Office at Night. Minneapolis 2014.
URL: http://blogs.walkerart.org/visualarts/2014/03/25/office-at-night-edward-hopper/ (abgerufen im November 2016)
Parry, Ryan: How ‘obsessed’ Alfred Hitchcock tried to ruin Tippi Hedren’s career after she refused his sexual demands. In: Daily Mail, 29. Oktober 2016.
URL: http://www.dailymail.co.uk/news/article-3882442/How-obsessed-Alfred-Hitchcock-tried-ruin-Tippi-Hedren-s-career-refused-succumb-sexual-demands.html (abgerufen im November 2016)
Spoto, Donald: Alfred Hitchcock – Die dunkle Seite des Genies. München 1984.