Ein andalusischer Hund

Salvador Dalí ist einer der bekanntesten Maler des 20. Jahrhunderts. Berühmt sind vor allem seine surrealistischen, nahezu fotorealistischen Werke, mit denen er Ende der 20er Jahre seinen endgültigen Stil findet. 1922 lernt Dalí an der Academia San Fernando in Madrid Luis Buñuel kennen. Dalí und Buñuel (wie auch der Freund und Dichter García Lorca) sind fasziniert von Sigmund Freuds Schriften zur Psychoanalyse. Die Beschäftigung mit der Psychodynamik des Unbewussten sollte nicht nur Dalís Malerei Zeit seines Lebens begleiten, sondern auch die Grundlage für den Film Ein andalusischer Hund bilden.

Ein andalusischer HundEin andalusischer Hund (Filmstandbild)   Fair Use

1928 reist Dalí nach Paris, wo er mit Buñuel am Drehbuch für das gemeinsame Filmprojekt arbeitet. Die fragmentarischen Szenen des Films gehen auf Träume der Künstler (krabbelnde Ameisen, Wolke vor Vollmond) zurück und befassen sich mit Aspekten des Irrationalen und Unbewussten (vgl. Last 2007 und Wunderlich 2008). Der Film soll das Publikum irritieren und provozieren und sich jeder narrativen Lesart verweigern – zur damaligen Zeit ein absoluter Bruch mit dem Erzählkino: „Eine traditionelle Narration sucht man ebenfalls wie eine logisch aufeinander aufbauende, sukzessive Szenenabfolge vergebens. Kein Schnitt, keine Aktion auf der Leinwand sollte erklärbar, nicht einmal konkret interpretierbar sein. So dient schon der Titel des Films zur Verunsicherung: Einen Hund gibt es im ganzen Film nicht, und schon gar keinen andalusischen.“ (Last 2007)

Honig ist süßer als BlutSalvador Dalí: Studie für Honig ist süßer als Blut, 1927   Fair Use

Als unmittelbare Vorlage für einige Szenen des Films dient Dalís Gemälde Honig ist süßer als Blut (1927), das heute verschollen ist und von dem es nur eine Studie gibt. Das Bild gilt als Dalís erstes surrealistisches Gemälde überhaupt mit für seine späteren Werke typischen Motiven: ein verstümmelter Frauenkörper, ein toter Esel, der Kopf seines Freundes García Lorca: „At the lower right is a dead donkey, a creature that would make an equally leering but double reappearance in the film Un Chien anadalou. The putrefaction of the donkey as indicated by a cloud of flies may relate to the word ‘putrefact’ that Dali and his friends frequently employed to describe members of the Spanish establishment.“ (Shanes 1994)

Kubistische FigurSalvador Dalí: Kubistische Figur, 1926   Fair Use

Die Bildquelle für den Stiltransfer ist jedoch eine eher weniger bekannte kubistische Figur aus dem Jahr 1926. Das Bild zeigt zwei geteilte, sich jedoch überlagernde Gesichter, quasi eine doppelte Ausformung der Zweideutigkeit der menschlichen Natur. Das Gemälde entsteht im selben Jahr, in dem Dalí zum ersten Mal Paris besucht und dort Pablo Picasso kennenlernt. Stilistisch und technisch bedient sich Ein andalusischer Hund ebenfalls der Überzeichnung und Verfremdung. 1929 „feiert“ der Film in Paris seine Premiere:

„Die Zielgruppe Buñuels waren seine Feinde, die sich ärgern sollten, Geld für den Film ausgegeben zu haben – daher verstecke sich Buñuel auch hinter der Leinwand, bewaffnet mit Steinen, sollte es zu erwarteten Eskalation kommen. Heute können wir den Film als brillantes, innovatives Gründungswerk des filmischen Surrealismus feiern, können uns endlich an der Vollkommenheit dieses wunderbaren Werks erfreuen.“ (Last 2007)

Gemalte SequenzGemalte Sequenz

Last, Björn: Ein andalusischer Hund. 2007.
URL: https://web.archive.org/web/20070317153501/http://www.mitternachtskino.de/andalusischeHund.htm (abgerufen im Oktober 2016)
Shanes, Eric: The Life and Masterworks of Salvador Dalí. London 1994.
Wunderlich, Dieter: Ein andalusischer Hund. 2008.
URL: http://www.dieterwunderlich.de/Bunuel_andalusischer_hund.htm (abgerufen im Oktober 2016)