Painting Movies

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Viele bedeutende Filme werden durch Kunstwerke inspiriert oder von künstlerischen Epochen beeinflusst. In den 20er und 30er Jahren bedingen sich Stilrichtungen in bildender Kunst und Film teilweise gegenseitig. So arbeitet der Surrealist Salvador Dalí gemeinsam mit dem Filmemacher Luis Buñuel an Ein Andalusischer Hund. Das bizarr verzerrte Bühnenbild in Robert Wienes Kabinett des Dr. Caligari wird beeinflusst von expressionistischen Großstadtbildern Ludwig Meidners oder Lyonel Feiningers. Sergei Eisenstein orientiert sich im Panzerkreuzer Potemkin an den Ideen des Kubismus und Konstruktivismus und versucht, die statische Begrenzung des Bildes durch die Dynamik der Montage zu überwinden.

1936 bringt Jean-Renoir mit Eine Landpartie einen Film in die Kinos, der mit seiner Motivwahl, der sinnlichen Präsenz der Akteure und der geschickten Kameraarbeit an impressionistische Bilder seines Vaters Pierre Auguste Renoir erinnert. Zehn Jahre später verwandelt Robert Siodmak in der Eröffnungssequenz des Noir-Films The Killers Edward Hoppers Nighthawks in ein Filmset. Die Bilder Hoppers beeinflussen auch Regisseure wie Alfred Hitchcock (Das Fenster zum Hof, Psycho, Marnie) und Wim Wenders (Paris, Texas).

Die hier gezeigten Filmbeispiele sollen die Beziehungen zwischen Malerei und Film formal verdeutlichen. Dabei wird der Malstil des korrespondierenden Bildes direkt auf die filmische Sequenz übertragen. Dies geschieht mit Hilfe eines Algorithmus von Leon A. Gatys, Alexander S. Ecker und Matthias Bethge, der im Abschnitt Technische Aspekte detailliert beschrieben wird.

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Filmbilder nachzuzeichnen, ist eine relative alte Technik. Sie wird erstmals 1914 bei der Animationsserie Out of the Inkwell verwendet. Der Trickfilmproduzent Max Fleischer lässt sich sein Rotoskop genanntes Gerät 1917 patentieren. Mit Hilfe des Apparats können filmische Einzelbilder per Rückprojektion auf eine Mattglasscheibe projiziert und abgezeichnet werden.

Max Fleischers RotoskopMax Fleischers Rotoskop   Public Domain

Im Lauf der folgenden Jahrzehnte kommt die Rotoskoptechnik in Filmen wie Hitchcocks Vögel oder den frühen Star-Wars-Filmen zum Einsatz. Seit den 90er Jahren werden Filmsequenzen mit Hilfe computerbasierter Techniken rotoskopiert. Vor allem die Einführung von After Effects eröffnet im Bereich der Filmtitelgestaltung neue kreative Möglichkeiten. In der Postproduktion wird das Rotoskopingverfahren sehr häufig für Retuschen benutzt, etwa das Entfernen von Stromleitungen oder anderen unerwünschten Bildelementen. Das Verfahren ähnelt der Staub- und Kratzerentfernung bei der Filmrestauration.

Generell wird zwischen einer handgemalten bitmapbasierten Zeichentechnik und einer halbautomatischen vektorbasierten Technik unterschieden. Die klassische Zeichentechnik wird etwa bei Ralph Bakshis Herr der Ringe aus dem Jahr 1977 eingesetzt. Andere Wege geht Richard Linklater zunächst mit Waking Life (2001), später mit A Scanner Darkly (2006). Beide Filme werden mit dem von Bob Sabiston entwickelten vektorbasierte Programm Rotoshop verfremdet.

Loving Vincent und Robin HoodFilmstandbilder von Loving Vincent und Robin Hood   Fair Use

2017 soll die Spielfilm-Gemäldeanimation der Filmemacher/innen Dorota Kobiela und Hugh Welchman erscheinen: Loving Vincent. Der Film über Leben und Werk Vincent van Goghs verbindet traditionelle Ölmalerei mit digitalen Animationstechniken. Jedes einzelne Filmbild wird dabei von Hand gemalt. Im Bereich der Filmtitelgestaltung greifen viele Künstler ebenfalls wieder verstärkt auf analoge Techniken zurück. Gianluigi Toccafondo druckt für den Titelvorspann von Robin Hood (2010) Filmbilder auf Papier, übermalt sie und scannt sie anschließend wieder ein. Eine ähnliche Technik setzen 2007 Gareth Smith und Jenny Lee für den Titelvorspann von Juno ein.

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Bei der Verwendung der Rotoskoptechnik stellt sich immer auch die Frage nach den Anwendungsmöglichkeiten und künstlerischen Ausdrucksformen. Während die Begründung für den technischen Einsatz (Retusche, visuelle Effekte, Effektmalerei, Compositing) recht leicht fällt, gilt es bei den kreativen Maltechniken stärker zu differenzieren: Warum sollte ein bestehendes Filmbild überhaupt übermalt werden? Für den Rotoskoping-Pionier Max Fleischer ist die Antwort klar. Allein mit Hilfe seiner Vorstellungskraft könne ein Animationskünstler Bewegung nicht realitätsgetreu wiedergeben, die Ergebnisse seien mechanisch und unnatürlich (vgl. Seymour 2011). So werden die Tanzszenen bei Disneys Schneewittchen etwa auf Basis von Filmaufnahmen einer Tänzerin rotoskopiert.

Doch warum wird ein Spielfilm wie A Scanner Darkly nachgezeichnet? Regisseur Linklater betont, dass die Technik das Seherlebnis verstärke und Teil des Geschichtenerzählens werde. Elemente wie Paranoia, Verschwörung und Verzweiflung würden durch die rotoskopierte Animation intensiviert (vgl. Materna 2006).

A Scanner Darkly und JunoFilmstandbilder von A Scanner Darkly und Juno   Fair Use

Ähnlich begründet Gareth Smith den Einsatz handgemalter Techniken in der Eröffnungssequenz von Juno: „It seemed natural to show the credits while the audience followed Juno from the opening scene, through her neighborhood, and to the convenience store where she gets her pregnancy test. This decision allowed us to do something a little unusual for an opening title sequence: focus the sequence entirely on the main character of the film. This allowed the audience to really get a sense of, and get immersed in, Juno’s unique, quirky point of view of the world.“ (Vlaanderen 2008)

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Rotoskoptechniken kommen neben der Filmproduktion, der Postproduktion und der Gestaltung von Filmtiteln auch in der Werbung und bei der Produktion von Musikvideos zum Einsatz. Für kurze filmische Sequenzen wie einen animierten Filmtitel oder Werbespot scheint auch der vollautomatische Stiltransfer mit dem neural-style-Algorithmus geeignet zu sein. Anders als bei den hier gezeigten Beispielen ist jedoch eine Ausgabe in voller Auflösung und bester Bildqualität zwingend erforderlich. Bei entsprechender GPU-Rechenleistung wäre sogar die Produktion längerer Clips wie Musikvideos möglich.

Materna, Marisa: ‘A Scanner Darkly’: An Animated Illusion. In: ANIMATIONWorld, 7. Juli 2006.
URL: http://www.awn.com/animationworld/scanner-darkly-animated-illusion (abgerufen im Februar 2017)
Seymour, Mike: The Art of Roto. 2011.
URL: https://www.fxguide.com/featured/the-art-of-roto-2011/ (abgerufen im Februar 2017)
Vlaanderen, Remco: Juno. Forget the Films, Watch the Titles. 2008.
URL: http://www.watchthetitles.com/articles/0069-Juno (abgerufen im Februar 2017)
Zinman, Gregory: Between canvas and celluloid: Painted films and filmed paintings. In:
The Moving Image Review & Art Journal (MIRAJ), Volume 3, Nummer 2, 1. Dezember 2014, 162-176.